Sturztraining & Mentaltraining – was ist eigentlich der Unterschied?

Klettern mit Aussicht - Kletterer an Feslturm mit Aussicht auf den Gardasee

Sturztraining und Mentaltraining sind beim Klettern mittlerweile in vieler Munde. Irgendwie ist jedem klar, dass der Kopf oft das limitierende Element ist bei diesem tollen Sport.
Mir geht es in diesem Artikel darum ein bisschen Klarheit in diesen Bereich zu bringen, was denn das eine eigentlich vom anderen unterscheidet. Natürlich ist das größtenteils meine Ansicht als Sportkletterlehrerin und systemische Beraterin, wie ich diese Dinge voneinander trenne. Aber vielleicht hilft es auch dir abzuschätzen wo du gerade stehst und was für dich vielleicht als ein Training sinnvoll wäre um weiter zu kommen.

Sturzangst bewältigen!

Das ist wahrscheinlich der Wunsch, mit dem die meisten Kundinnen an mich herantreten, wenn sie nach einem Mentaltraining fragen.
Häufig resultiert die Anfrage dann doch erstmal in einem Sturz- und Sicherungstraining. Denn Sturzangst erfordert lange nicht immer ein Mentaltraining.

Sturztraining – ein paar Gedanken

Sturztraining gehört für mich ganz klar zum Klettertraining dazu. In meinen Augen ist der Kurs- oder Trainingsaufbau um Sportklettern zu lernen: Topropekurs, Vortiegskurs, Sicherungs- Sturztraining.
Aber eben nicht als: naja, das gibt es noch und vielleicht macht man das irgendwann mal, sondern in meinen Augen gehört dieser dritte Baustein als fester Bestandteil zur „Kletterausbildung“ dazu.
Denn Stürzen gehört zum Sportklettern mit dazu. Selbst wenn ich noch so sehr versuche sicher zu klettern, bzw so zu klettern, dass ich nicht stürze kann sich mal ein Griff drehen, mir rutscht der Fuß weg, oder am Fels bricht ein Griff aus. Und schon geht das Fliegen los.
Auf solche Situationen sollte man vorbereitet sein und sollte mit ihnen umzugehen wissen. Als Kletterer, sowie als Sicherer.
Wäre Stürzen nicht Bestandteil des Kletterns, wäre das Seil einfach vollkommen überflüssig.

Nun ist es aber so, dass der Körper nur weiß, wie er in Situationen sinnvoll reagiert, wenn er diese Bewegung schon 100e male geübt hat.
Deshalb ist Sicherungs- und Sturztraining für mich ein ganz normales Klettertraining. Kein großes Hokuspokus, keine bewegenden Angstlösestrategien, sondern reines üben, üben, üben und zwar mit einer sinnvollen Methodik, genau wie beim Vorstiegskurs auch.

Viel zu häufig verbinden Kletterer Stürzen mit Gefahr. Entweder, weil im Vorstiegskurs immer wieder auf die Gefahr eines Sturzes hingewiesen wird, oder weil schlechte Erfahrungen gesammelt wurden. Und ja – es ist wichtig, dass man zu Beginn lernt, dass Klettern ein ernst zu nehmendes Risiko birgt und es Situationen gibt in denen man nicht unbedingt fallen sollte.
Außerdem kann einem als Trainer im Vorstiegskurs das Herz schnell in die Hose rutschen, wenn da schon jemand stürzt… weiß man ja nicht wie gut der Sicherer das Gerät schon bedient.

Sturztraining sollte Standard seinKletterpaar beim Klettern in der Halle

Ich meine jedoch aus einem Vorstiegskurs sollten die Kletternden nicht mit dem Gefühl herausgehen: Beim Klettern darf man nicht stürzen.
Sondern vielmehr mit dem Wissen: Ich weiß jetzt wie man Vorstieg klettert und sichert, stürzen birgt, gerade ohne Erfahrung ein Risiko für mich als Kletterer und Sicherer, und ich muss mich mit dem Thema richtig Stürzen und richtig Stürze sichern auseinander setzen und das lernen.
Ergo: ich bin noch nicht fertig mit dem „Klettern lernen“.

Genau da sehe ich einen Knackpunkt, denn in den meisten Kursen wird das nicht thematisiert.
Die Kursinhalte von Vorstiegskursen im Bezug auf Stürzen variieren je nach Stadt, Halle, Trainer etc. Das geht von: das Thema hat gar keinen Platz oder wird den Teilnehmern vielleicht unbewusst sogar als gefährlich vermittelt, über es wird mal kurz angeschnitten, bis hin zu einer ersten Einheit in Sicherungs- und Sturztraining.
Leider habe ich aber auch schon von Fällen gehört, wo sich Teilenehmende in genau einer solchen kurzen Einheit beim Stürzen verletzt haben.
Das sollte definitiv nicht sein!

Meiner Meinung nach sollte jeder Kletterer lernen, dass das Thema Stürzen ein Kapitel für sich ist, mit dem man sich unbedingt auseinander setzen sollte und zwar so früh wie möglich in der eigenen Kletter“karriere“.
An einen Vorstiegskurs ein Sicherungs- & Sturztraining anzuschließen sollte meiner Meinung nach Standard sein.
Stürzen ist kein Hexenwerk, kein Horrorszenario, wenn man eben ein paar Dinge beachtet und das nötige Know-how besitzt!
Sicher, um das Sturztraining richtig aufbauen zu können sollte man ein paar Grundlegende mentale Aspekte beachten.

Aber im Endeffekt finden hier die exakt gleichen Grundlagen Anwendung wie in normalen Technikerwerbstraining:
Von leicht nach schwer, von einfach nach komplex, mit Hilfestellung dann ohne Hilfestellung…
Es geht um einen methodischen Aufbau.

Genau deshalb ist Sicherungs- und Sturztraining für mich erstmal ein reines Klettertraining bei dem es ums Vermitteln von Wissen geht und das auch meist einem standardisierten Ablauf folgt.

Sturzangst ist normal!

Sturzangst zu haben ist keine mentale Blockade, sondern eine vollkommen normale Reaktion des Körpers auf die Bewegung in der Vertikalen und darauf der Höhe ausgesetzt zu sein und dort etwas neues machen zu sollen.
Um dieser Angst entgegenzukommen, braucht es oft kein Mentaltraining sondern schlicht und einfach Übung und Erfahrung.
Stürzen ist – bis auf wenige Ausnahmesituationen – nicht gefährlich, wenn man es richtig macht und richtig gesichert wird. Aber damit der Körper und der Kopf das nicht nur rational versteht, sondern das ins Unterbewusstsein vordringt braucht es einfach Erfahrung. Und zwar aktive, körperliche Bewegungserfahrung.

Der Körper lernt erst dann die Konsequenzen einer Bewegung, wenn er sie bis zum Ende ausführt.
Nun ist aber die Schwierigkeit der meisten Kletterer/Kletterinnen, die mit Sturzangst zu mir kommen, dass sie auf Grund dieser Angst und fehlendem Wissen noch nie, oder nur sehr selten überhaupt gestürzt sind oder Sturztraining gemacht haben.

Dem Körper fehlt also die Erfahrung. Zusätzlich fehlt das Wissen, wie man denn ein Sturztraining vernünftig aufbaut und wie man Stürze vernünftig sichert, damit sie tatsächlich ungefährlich sind. (Ein wichtiger Aspekt hierzu ist das weiche Sichern.)
Das heißt Sturztraining ist ein reines Klettertraining. Es geht, wie bei anderen Klettertrainings auch darum, die richtige Sicherungsmethodik zu lernen, die richtige Sturzposition, das Seilhandling und und und.

Viele Kletterer können ihre Sturzangst mit reinem Erfahrungssammeln und lernen überwinden!
Lerne wies richtig geht und dann heißt es: üben, üben, üben.
Genau wie beim Bewegen an der Wand & Klettertechniken.

Wann ist Sturztraining sinnvoll für dich?

Sturztraining ist dann sinnvoll, wenn du bisher keine, oder nur sehr wenig Erfahrungen im Stürzen und im Sichern von Stürzen gemacht hast.
Wichtig ist dabei das Sturztraining vernünftig aufzubauen und zu strukturieren, sowie das entsprechende Know-how zu haben WIE das geht.
Falls du schonmal Sturztraining gemacht hast in der Form, dass du dich 1-2 Mal „einfach überwunden“ hast zu stürzen & dich das aber nicht weiter gebracht hat, dann ist ein sinnvoller Schritt dich erstmal mit dem Thema ausgiebig auseinanderzusetzen. Entweder indem du dir dazu das nötige Wissen anliest, oder eben einen Trainer buchst.
Bevor du an mentale Komponenten ran gehst ist erstmal wichtig, dass du diese Dinge lernst und übst.
Wenn du das getan und versucht hast und merkst, dass du auch damit überhaupt nicht weiter kommst, dann kommen wir in den Bereich vom Mentaltraining.
Falls es bestimmte Situationen gibt in denen du noch extrem Angst hast, oder die Angst wirklich so groß ist, dass die Durchführung von richtig angeleitetem Sturztraining nicht machbar ist, auch dann kann ein Mentaltraining sinnvoll sein.

 

Nun zum MentaltrainingKletterer an ausgesetzter Kante am Fels

Für mich fällt unter den Bereich Mentaltraining alles, was mit inneren Denkprozessen, dem inneren Erleben und den eigenen Persönlichkeitsstrukturen zusammenhängt. Mentaltraining beginnt da, wo man mit achtsamem Sturztraining nicht mehr weiter kommt.
Während Sicherungs- & Sturztraining einen recht standardisierten Ablauf hat, so gilt das für Mentaltraining keineswegs.

Mentaltraining ist mehr als Ziele setzen & visualisieren!

Klar, ein Bestandteil des Mentaltrainings kann sein, Ziele zu definieren und diese zu Visualisieren… Allerdings diese Techniken als Mentaltraining zu bezeichnen und zu verkaufen und nicht weiter zu gehen finde ich persönlich recht schwach.
Dabei bestreite ich NICHT, dass die Methoden helfen und wichtig sind! Visualisierung ist im Klettern eine Methode, die enorm hilfreich und wichtig ist. (Und zum Beispiel Adam Ondra für seinen 9a+ Flash stark genutzt hat – zu sehen hier)
Und gleichzeitig ist es eine Methode, die man fast automatisch anwendet, wenn man versucht sich im Kopf nochmal vorzustellen, wie eine Kletterpassage ging. Deshalb sind sie meiner Meinung nach nur der Anfang.

Für mich beschäftigt sich Mentaltraining mit den tieferen Denkmustern und Überzeugungen der Person.
Mentaltraining ist für mich die Auseinandersetzung mit eigenen Denkprozessen, Ängsten, mentalen Strukturen und Persönlichkeitsanteilen und die Entwicklung dieser.
Deshalb ist Mentaltraining auch sehr individuell und hängt immer von den Teilnehmern ab, während Sicherungs- und Sturztraining eigentlich sehr straight forward ist und einem recht standardisierten Ablauf folgt.

Im Mentaltraining geht es vor allem darum eingefahrene destruktive Denkprozesse zu finden und umzustrukturieren, bzw. zu entkräften. Im Endeffekt sind wir hier schon im Gebiet der Persönlichkeitsentwicklung.
Ziel ist, die persönlichen limitierenden mentalen Strukturen zu erkennen und zu verändern um ein stärkeres psychisches Wohlbefinden (und wahrscheinlich auch eine verbesserte Leistung) zu erreichen.
Das hat natürlich nicht nur Auswirkungen aufs Klettern, sondern auf die Person im Ganzen und auch abseits der Vertikalen.

 

Mentaltraining findet auch Einsatz im Bereich Klettern nach einem Kletterunfall, bzw. nach traumatischen Erlebnissen. Hier befindet man sich, meiner Meinung nach, jedoch schon im Schnittbereich zur Traumatherapie. Ein Unfall, besonders ein schwerer, ist ein traumatisches Erlebnis und sollte entsprechende professionelle Unterstützung bekommen, wenn einem selbst die Verarbeitung nicht gelingt.

 

Wann ist Mentaltraining sinnvoll für dich?

Mentaltraining ist dann sinnvoll, wenn du daran arbeiten möchtest, dass es dir schwer fällt anderen zu vertrauen. Oder du möchstes ein positiveres und liebevolleres Selbstbild und einen positiveren Umgang mit dir selbst beim Klettern entwickeln. Auch ist es sinnvoll, um deinen Glauben an deine Fähigkeiten und was du erreichen kannst zu stärken.
Wenn du dein Ego und Wutausbrüche besser im Zaum halten willst…
und und und…
Und klar, auch wenn du mental stärker werden willst, also lernen willst in Situationen, die Angst machen und gefährlich sind den Fokus zu halten und dich auf deine Aufgabe konzentrieren zu können, anstatt in die Panik zu rutschen.
Vielfach geht es also um Alles, was einem der Kopf während des Kletterns so sagt, was dich limitiert oder wo du dich selbst begrenzt und den Umgang mit der Angst regulieren zu können.

Und natürlich ist Mentaltraining auch im Leistungssport ein wichtiger Aspekt für den eigenen Klettererfolg. Auch hier sind Selbstbild und positive innere Dialoge sehr wichtig und gleichzeitig kommen weitere Aspekte hinzu, die aus dem Leistungsanspruch, dem Wettkampfcharakter und dem Umgang mit diesen Situationen etc. resultieren.

So zumindest mein Empfinden zur Unterscheidung dieser beiden Trainingsbereiche.
Im Endeffekt setzt also Mentaltraining im Klettern dort an, wo du mit Sturztraining nicht mehr weiter kommst. Oder vielleicht sogar davor, wenn dein Kopf es dir nicht erlaubt, auch in sicherer Umgebung mit Trainer ein Sturztraining zu absolvieren.

Was tun bei Sturzangst?

Wenn du eine von vielen Kletterern oder Kletterinnen bist, die gerne ihre Sturzangst in den Griff kriegen wollen, dann empfehle ich dir zunächst mal ein wirklich gut und sinnvoll aufgebautes Sturztraining zu machen, Wissen zu dem Thema aufzubauen und mit diesem Wissen Sturzerfahrungen zu sammeln.
Und wenn du das getan hast, und das auch viele, viele Male wiederholt hast und dann irgendwo nicht weiter kommst, oder dich generell etwas hindert diesen Schritt durchzuziehen… dann macht ein Mentaltraining Sinn.

 

Falls du Lust hast beides zu kombinieren, also Sturzerfahrungen sammeln, lernen wie du dein Sturztraining richtig aufbaust und Strategien zu lernen um mental stärker zu werden, dann schau dir gern mal unser Mental & Yoga Camp für Frauen vom 24.-26.09.2021 an.

Wir kombinieren Know How und Übung fürs Sturztraining mit Input zu mentalen Strategien und unterstützen den mentalen Input mit passenden Yogaeinheiten für mehr Körperbewusstsein & Gelassenheit.

Mental & Yoga Camp

 

 

 

Deine Aletta

Aletta Portrait draußen

 

 

 

 

 

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