Erwartungshaltung & Achtsamkeit beim Klettern & im Leben

Worum geht es in diesem Artikel?
Um Leistungsfähigkeit, die eigene Erwartungshaltung beim Klettern & im Leben, den menschlichen Hochmut und Achtsamkeit.
Darum, dass die meisten Menschen von sich ständige Leistungsfähigeit erwarten und es uns so schwer fällt Schwäche einzugestehen oder zu zeigen.

Es geht um unsere Erwartungshaltung & Ansprüche uns selbst gegenüber beim Klettern, aber auch generell im Leben.

Dieser Artikel ist für dich, wenn auch du glaubst immer in Höchstform sein zu müssen.
Wenn du schonmal frustriert im Seil saßt, weil einfach garnichts ging.
Wenn du dich gerade überfordert und müde fühlst, und trotzdem immer weiter machst…

Ich war ja im November 4 Wochen unterwegs… mit dem Van, zum Klettern und SEIN auf Sardinien…
Seit ein paar Wochen bin ich zurück, habe einen Reisebericht dazu geschrieben und währenddessen die Zeit noch einmal rekapituliert.
Während des Urlaubs bin ich selbst mit einer Situation konfrontiert gewesen, die ich so häufig beobachte, dass ich sie hier einmal thematisieren möchte.

Ich bin im Normalfall ein sehr begeisterungsfähiger Mensch, habe eine hohe Motivation fürs Klettern, aber auch viele andere Themen und liebe am Klettern natürlich den Aspekt in der Natur zu sein und neue Menschen zu treffen, aber eben auch den Leistungsaspekt des Sports.
Ich projektiere gern, versuche mich zu pushen und mein Niveau zu steigern.

Wenn ich mir jetzt meine Liste an Routen ansehe, die ich im Urlaub geklettert bin könnte ich denken – was war denn mit dir los? Da steht nicht viel drauf… (Ich nutz übrigens 8a.nu um meine Routen zu dokumentieren)

Ja, was war da los?

Weißt du, ich habe den Urlaub und die Zeit extrem genossen! Und gleichzeitig (bis auf etwaige frühere Liebeskummerzeiten) habe ich glaube ich noch nie so oft mit Tränen in den Augen im Seil gesessen (ich bin sehr nah am Wasser gebaut :D). Vor Frustration…

Frust darüber, dass ich die Tour wieder nicht geonsighted habe, den Zug nicht hinbekomme, das Projekt nicht durchgestiegen habe, bisher überhaupt nichts Schweres geklettert bin, dass mein Freund alle möglichen Touren onsighted & seine Projekte schafft und ich nicht. Vor Frustration, dass ich nicht so befreit und entspannt bin wie sonst…

Klar habe ich ein paar echt super Touren geklettert. Aber die Freude darüber hielt oft nicht lange an. Oder ich konnte mich nicht ausgiebig darüber freuen, weil die Tour „eigentlich ja nicht so schwer war“…

Kurzum ich war nicht sehr liebevoll mit mir selbst, hatte wie immer extrem hohe Erwartungen, wollte pushen und war unzufrieden mit mir, dass es nicht so lief, wie ich das gern gehabt hätte.
Und die Dinge, die dann gut gelaufen sind habe ich nicht richtig würdigen können und mir selbst „schlecht geredet“.

Eigentlich sollte ich das besser wissen 😉

Eigentlich sollte ich wissen, dass ich dankbar sein sollte für die kleinen Errungenschaften… Für die tolle Zeit, die Umgebung und es mir sehr viel besser tun würde meinen Fokus auf das zu richten was funktioniert und gut ist, als mich darüber zu ärgern, dass etwas gerade nicht so ist wie ich es gern hätte…
Ich bin eigentlich seit jeher ein positiver Mensch und habe mich doch seit meiner Unternehmensgründung nochmal sehr viel mehr mit Mindsetarbeit auseinander gesetzt und die Kraft der Dankbarkeit für mich entdecken dürfen…
Und doch bin ich im Urlaub in diese so typische Falle getappt…
Zu glauben, dass auch dieser Trip wieder Vollgas im Klettern bedeutet.

Unsere typische Erwartungshaltung – beim Klettern, im Leben…

Ich weiß nicht wie es dir geht, aber bei mir und vielen anderen habe ich festgestellt, dass die grundlegende Erwartungshaltung erstmal ist – ständig leistungsfähig zu sein, Leistung abrufen zu können – beim Klettern, im Alltag – und besser zu werden. Im Klettern, im Job, in anderen Hobbies, im Privatleben… generell.
Und wenn das mal nicht läuft stecken wir schnell fest in Überlegungen, wie kann ich das wieder ändern, was ist gerade los mit mir? Was ist falsch mit mir? Und und und…

Und in unserer Gesellschaft ist das ja auch irgendwie Gang und Gebe.
Die meisten unter uns haben irgendwo in ihrem Kopf einen kleinen, sehr hartnäckigen, Glaubenssatz liegen von der Art: „Nur wenn ich etwas schaffe/leiste, bin ich genug/bin ich liebenswert/bin ich etwas wert.“ (Spür vielleicht gerade einmal rein, ob du diese Gedanken kennst)
Und ich fange hier jetzt nicht an wie viele Themen sich daraus für die Menschen selbst und unsere Gesellschaft ergeben. Überarbeitung oder heulend im Seil hängen lassen grüßen 😀

Das spannende ist aber, dass wir Menschen, wie bei so vielen Dingen, vergessen, dass wir Teil der Natur und Teil der Tierwelt sind.

Wir Menschen sind Teil der Natur!

Denn was mir in diesem Urlaub nochmal mehr bewusst geworden ist:
Die Tage werden kürzer. JEDE Pflanze und jedes Lebewesen im Tierreich, um uns herum macht sich bereit für den Winter… geht mit dem natürlichen Gang der Dinge. Alles wird langsamer, Energie wird gespart, man bereitet sich auf eine Zeit vor in der viel geschlafen wird und wenig getan.

Nur wir Menschen mit unseren elektrischen Lichtern und leistungsorientierten Gehirnen machen es anders.
Und dann frage ich mich – glaube ich eigentlich wirklich, dass ich eine Ausnahme bin? Dass wir als Menschen von diesem Zyklus der Natur ausgenommen sind?
Dass alle außer uns sich Ruhephasen gönnen, mit den Jahreszeiten gehen, nur wir sind davon ausgenommen und haben ständig die gleiche Leistungsfähigkeit?
Während ich mir diese Gedanken so mache muss ich verächtlich lächelnd den Kopf schütteln… über unsere Naivität und gleichzeitig so geringes Wohlwollen uns selbst gegenüber.
Über unsere generell so hohe Erwartungshaltung, egal bei welchem Thema, beim Klettern, in der Liebe, an uns selbst, dem Leben gegenüber.

Das Leben geht in Wellen. Beziehungen erfahren Hochs und Tiefs. Leistung, egal ob körperlich oder psychisch, egal ob im Sport oder Beruf ist nicht immer auf dem gleichen Niveau.

Unser Körper braucht Regenerationsphasen.Füßr hochlegen am Strand

Jedoch sind unsere Ansprüche ständig gleich hoch. Oder Zumindest auf einem nahezu gleichbleibenden Niveau.
Wir erwarten von uns selbst quasi dauerhaft auf Höhstleistung fahren zu können. Einen guten Job zu machen, eine tolle Beziehung & Familie zu haben, körperlich fit zu sein, beim Sport gut zu sein, nett und freundlich zu sein…

Und genau diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit bereitet den meisten Menschen dann Schwierigkeiten.
Wir leben in einer Gesellschaft, in der es vielfach darum geht, Leistung zu erbringen… Und viele unter uns gönnen sich nur wenig Pausen oder wenn machen sich selbst runter, wenn es einmal nicht so läuft.
Wem fällt es leicht sich einzugestehen, dass es gerade einfach nicht gut läuft? Und wer spricht das auch noch laut aus? Wer kümmert sich wirklich regelmäßig um seinen Körper und ist dankbar, dass er einen so toll durch Leben trägt – und nicht nur, wenn gerade mal wieder wehwehchen auftreten? Welcher Sportler macht konsequent Ausgleichstraining, dehnt und gönnt sich regelmäßig Massage und Sauna?
Wer gibt sich selbst gegenüber zu, dass er überfordert ist?

 

Wir werden nicht während der Belastung, sondern in den Pausen stärker!

Einer der wichtigsten Punkte, die ich aus der Trainingslehre mitgenommen habe ist, dass man nicht während des Trainings stärker wird, sondern während der Ruhephasen.
Entspannung und Regeneration gehören genauso zur Entwicklung wie der Trainingsreiz.

Ich durfte diesen Urlaub (mal wieder) lernen und akzeptieren, dass auch meine Energie mal aufgebraucht ist. Dass auch ich mal Phasen der Erholung brauche und es einfach entspannt angehen lassen darf. Dass mein Körper auch mal komplett Urlaub und Ruhe braucht und nicht alle Energie, die vorher in die Arbeit, das Business, den Van geflossen sind auf einmal ins Klettern gehen können.

Wenn ich jetzt darüber nachdenke komme ich mir selbst recht bescheuert vor.
Ich wusste ganz genau, dass ich echt durch war als wir in den Urlaub starteten. Und trotzdem dachte ich und erwartete ich, dass ich weiter sportlich leistungsfähig bin…

Weißt du, ich habe wie so viele andere wahrscheinlich bis November dieses Jahr quasi keinen Urlaub gemacht.
Mir ist bewusst, dass wir sowieso privilegiert sind jedes Jahr Urlaub machen zu können, zu verreisen und unseren Lifestyle, unsere Kletterleidenschaft zu leben.
Dennoch… ich bin die letzten 4 Jahre so viel gereist, dass es für mich eine enorme Umstellung war 11 Monate an einem Ort zu sein und durchzuarbeiten.
Und irgendwann war die Luft raus. Ich habe kurz vorm Urlaub so stark wie noch nie gemerkt wie meine Energie einfach an einem Tief war und ich trotz wollen nicht mehr konnte. Null Kreativität. Sehr wenig Motivation. Weder für Arbeit, noch für Sport, noch für Spanisch lernen, noch für irgendwas tun was produktiv wäre. Rein für entspannen und ausruhen.

Es war einfach zu viel.

Nur akzeptieren wollte ich das nicht so richtig. Bzw. doch, ich habe das im Bezug auf die Arbeit akzeptiert. Ich wusste, dass ich dringend eine Pause brauchte.
Aber, im Bezug aufs Klettern, wollte ich trotzdem Leistung bringen.

Und nach den ersten 2 Wochen mit einiger Frustration konnte ich dann langsam akzeptieren, dass dieser Urlaub vielleicht nicht der Urlaub der schweren Touren wird und ab da wurde es besser. Je länger wir unterwegs waren umso mehr konnte ich auftanken, meine Energie kam zurück, meine Freude einfach am Fels zu sein, aber auch meine Akzeptanz, dass ich gerade etwas anderes brauche als hart zu klettern und die Einsicht, dass es vielleicht besser ist einfach wandern zu gehen und die Natur zu genießen oder faul am Strand zu liegen, wenn gerade einmal keine Motivation da ist an den Fels zu gehen.

Wozu erzähle ich dir das alles?

Mir geht es einfach darum, diese Erfahrung und Erkenntnis mit dir zu teilen. Darum, über diese Dinge zu reden, die in unserer Gesellschaft selten angesprochen werden. Darum das Tabu zu brechen, als Kletterin mit Business im Kletterbereich laut auszusprechen, dass auch meine Motivation und Freude fürs Klettern mal im Keller ist.
Denn wenn man selbst diese Empfindung hat und alle anderen um einen herum weiter motiviert sind und gerade zu Höchstformen auffahren… was tut man? Man fühlt sich „falsch“.

“Was ist denn verkehrt mit mir?!”. Man geht in den Widerstand und denkt man müsste doch motivierter sein und dann wird alles nur noch schlimmer. Man zwingt sich weiter zu machen, zu trainieren, ärgert sich, dass man nicht dieselbe Freude und Motivation empfindet, aber will ja nicht noch schwächer werden… also wird weiter trainiert.

Und ich glaube nicht, dass man so aus diesem Tief herauskommt.
Raus kommt man da nur mit Akzeptanz. Verständnis für dich selbst und Rücksichtnahme auf den eigenen Körper und was er einem sagt.

Nämlich: mach mal ne Pause. Und vor allem: Gönn dir ne Pause. Erlaube dir Pause zu machen.
Und genau das möchte ich mit dir teilen. Alles geht in Wellen. Auch das Klettern. Auch Beziehungen, auch Business. Das ganzen Leben.
Wieder etwas, das mich das Klettern gelehrt hat oder mir zumindest bewusst gemacht hat.

Und meine Frage an dich – kennst du das auch? Geht es dir mit deinen Erwartungen dir selbst gegenüber auch so?

Und falls ja – genau für dich ist dieser Artikel! Nein, du bist nicht verkehrt, nein es sind nicht immer alles voller Energie und Motivation, nur du nicht, und nein du bist damit nicht allein!

 

Was kannst du jetzt tun, wenn du in so einem Loch steckst?

Gesteh es dir ein.
Für dich selbst erstmal die Situation zu akzeptieren ist meist das Schwierigste. Deshalb nimm dir mal einen Moment und frag dich wirklich – wie geht es mir eigentlich gerade?
Und wenn da Müdigkeit, Traurigkeit, Frust, „ich kann nicht mehr“ oder Tränen hochkommen:

Gönn dir ne Pause!
Akzeptiere, dass es gerade so ist. Akzeptiere, dass dein Körper und deine Psyche auch mal runter fahren müssen und nicht von einem Bereich in den nächsten ihre Energie stecken können.
Verwöhn dich, lass dich verwöhnen, gönn dir was und tu dir selbst etwas gutes um wieder Energie zu tanken!

Und shifte deinen Fokus.
Überlege dir am besten was, außer dem Leistungsaspekt, dir am Klettern Freude bereitet und richte deinen Fokus genau auf diese Dinge, wenn du klettern gehst. Versuche dein Mindset – beim Klettern, aber auch im Alltag, zu shiften.
Klettere leichtere Touren und nimm die Bewegungen bewusster wahr.
Widme deine Aufmerksamkeit einen Moment mehr den netten Menschen, die gerade bei dir sind.

Und ja, das gilt genauso fürs Leben. Je achtsamer wir mit uns selbst im Alltag umgehen, umso besser schützen wir unsere Ressourcen, umso ausgeglichener sind wir und und umso größer ist die Grundzufriedenheit.

Sei liebevoll mit dir selbst!

Deine Aletta

Potrait Aletta Bunge

Aletta Bunge

Coach für Beziehung und Kommunikation
Klettertrainerin

Du kommst allein nicht weiter?

Falls du aktuell in einer schwierigen Phase steckst und dir zu deiner spezifischen Situation Tipps oder Unterstützung wünscht hast du hier die Möglichkeit mich zu kontaktieren:

Jetzt kontaktieren

 

 

Lass mich gerne in den Kommentaren wissen ob du auch schonmal solche Erfahrungen gemacht hast? Oder bin ich doch mit diesem Thema allein 😉

Kennst du jemanden, der das hier sehen sollte? Hier kannst du die Seite teilen
close

Lust auf mehr?

Hier kannst du dich zum Newsletter anmelden.

Erhalte etwa 1-2 mal im Monat meine aktuellen Impulse und Tipps rund um die Themen Klettern, Persönlichkeitsentwicklung, Partnerschaft & Kommunikation.

Leave A Response

* Denotes Required Field